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C a l i f o r n i a   Z e p h y r



Chicago (WS)



Lake Shore Limited New York - Chicago, Amfleet car, 1987 (WS)


Die abweisende Front des Waldorf-Astoria-Hotels, die dunkle Schoenheit von Mies van der Rohe's Seagram Building, die wie eine Rakete in den Abendhimmel zielende Spitze des Chrysler-Turms - das ist New York, das ist die Umgebung der Central Station, deren Halle in jenem Jahr 1987 noch immer Groeße ausstrahlt, wenn man die Obdachlosen im Wartesaal uebersieht, und deren in zwei Geschossen in den dunklen Felsgrund von Manhattan gezwaengte Gleise noch immer die Duesternis eines Frankenstein-Schlosses umgibt. Nurmehr von einem Stockwerk leuchten am Abend die Schlusslichter eines Fernzuges zu den Fußgaengern in der Passage herauf. Es ist der Lake Shore Limited, der damals noch immer New York mit Chicago verbindet.

19 Uhr am 19. April 1987, dem Ostersonntag: Zwei blanke "stainless"-Schlafwagen glitzern in dieser Unterwelt, dann eine Reihe der bauchigen Amfleet-Waggons, vorn zwei schoene alte General Motors FL9-Zweikraftlok der Metro-North Commuter Railroad. Unsere Freundin freut sich ueber das beigefarbene Schlafabteil mit Privat-WC. Daneben ist ein "Slumbercoach" eingereiht, die billigere Schlafwagenklasse. Abfahrt. Dieselqualm am Tunnelausgang, dann die Stahlbruecke ueber den Harlem River, Lagerhallen, verfallene Haeuser der South Bronx. Dinner: Steak, guter kalifornischer Burgunder, von dunkelrot uniformierten Schwarzen serviert. Vor den Fenstern dieses Dining Car im Stil der vierziger Jahre erglueht im letzten Abendrot der Hudson River.

Gegen 23 Uhr: Rangieren. Rechts ein Zug mit Amtrak-Diesellok, die Sektion aus Boston. Links Turboliner, dann die Lichter einer Stadt, Albany, im Fluss gespiegelt. Irgendwann in der Nacht endlose Gueterbahnhoefe, wohl Buffalo.

Erwachen, erste Morgensonne, Ebene, Lagerhaeuser, lange Reihen von Conrail-Diesellok: Cleveland. Beim Fruehstueck (Ei mit Schinken, Pfannkuchen, Ahornsirup) glitzert zu beiden Seiten des Speisewagens die Wasserflaeche des Erie-Sees. In Toledo steht mit fuenf Metroliner-Wagen der Anschlusszug nach Detroit. Gruene Wiesen, hoelzerne lackierte Haeuschen, Ford oder Toyota vor der Tuer - Ohio und Indiana.

Mittags lange Reihen von Gueterwagen und die Hochoefen von Hammond. Dann ueber einem Gewirr von Gleisen in der Ferne faszinierend ein schwarzer Turm mit weißen Spitzen: der Sears Tower von Chicago, das hoechste Haus Amerikas. In Rueckwaertsfahrt wird der Zug in die finstere Union Station geschoben.

Chicago! Stadt der Superlative, Stadt der schoensten Wolkenkratzer der Welt, die Stadt, die wiekeine andere der USA von einem einzigen Architekten gepraegt wurde, von dem Deutschen Mies van der Rohe. Und superlativ sind in der Union Station auch die "Superliner"-Wagen des Empire Builder nach Seattle und Portland, des Eagle nach San Antonio - Los Angeles, des South West Chief und des California Zephyr, silbern spiegelnde zweistoeckige Gebilde, mehr Hotel als Zug, de Luxe-Schlafzimmer, Family Bedrooms, Special Bedroom fuer Behinderte, Lounge, Cafe, Restaurant hinter goldgetoenten Scheiben, vorn zwei heiser laermende Amtrak-Diesellok F40PH, als Heimatbahnhof "Los Angeles" angeschrieben, fast 4000 Kilometer entfernt. Wie klein ist dagegen Europa...

Selbst im "Coach" kann man fast wie auf einem Sofa liegen, waehrend beim Hinausgleiten "unseres" California Zephyr aus der Union Station die 110 Stockwerke des Sears Tower herabgrueßen. Im Lounge Car reichen die Fenster beinahe bis auf den Boden, Fauteuils sind hinter Glasfassaden frei gruppiert (in Europa waren selbst die Aussichtswagen des Rheingold schon zuviel), vor dem Blick aus der oberen Etage des rollenden Hotels breitet sich braunes Farmland aus, Äcker bis zum Horizont, darueber die Wolkenwand einer aufziehenden Kaltluftfront - alles wie aus einem Jugendtraum von einer Reise ueber die Praerie... Melodisch toent das Mehrklanghorn der Lokomotiven ueber Brackwaessern und dann erstreckt sich unter dem Zug ein Meer - der Mississippi, "the mighty Mississippi", wie der Zugbegleiter sagt. Am anderen Ufer, zwischen Laubwaldhuegeln wie in Thueringen, gibt es einen kurzen Halt in Burlington, der Kleinstadt, die der Eisenbahn des ersten California Zephyr den Namen gab.

Dinner. Ein in Wuerde ergrauter schwarzer Ober weist die Plaetze zu, Ledersofas im oberen Stockwerk des Dining Car. Die Mitreisenden: buergerliches Publikum, ein schwarzer alter Gentleman, aber auch viele junge Ehepaare mit Kindern.

Sechs Uhr morgens. Der Aussichtswagen ist finster und leer. Gruen-gelb-orangefarben schiebt sich ein messerscharfer Streifen ueber den noch dunklen Horizont - Sonnenaufgang ueber der Praerie. Grasland bis ins Unendliche. Schnurgerade das eine Gleis. Bluesmusik aus dem Lautsprecher...

Rinderherden und, unter der aufsteigenden Sonne aus der Ferne immer naeherrueckend, endlos von Sueden bis Norden Spitze an Spitze gereiht, schneebedeckt die Rocky Mountains. Halb acht. Rueckwaerts schieben die Diesel den Zug in den Bahnhof von Denver. Die Wolkenkratzer der Downtown spiegeln sich in den Glaswaenden des Aussichtswagens (hier zieht eine gruene Burlington-Lok den Postwagen ab). Ausfahrt, Anstieg in Richtung Gebirge, langsam, feierlich. Erste Schneeflecken, naeher geht es in nicht enden wollenden Kehren zu dem dunkelblauen Himmel empor, erste Kiefern, weit unten nun die Ebene, als das silberne Hotel die beruehmten roten Felsen in den ersten Tunnels durchschneidet. Bergseen, Schluchten, gegen elf Uhr der Moffat Tunnel, "The Continental Divide", die Wasserscheide Amerikas.

Hochmoore, rosa, grau bis gelb, Winter Park Station (nur ein paar farbige Holzhaeuser), weiße Berge, Eintauchen in den Fraser Canyon, schaeumende Wasser zwischen braunen Felsen. Byers Canyon, mit vielleicht dreißig Stundenkilometern tastet sich der Express durch die Wildnis abwaerts. Und dann der Colorado, Gore Canyon: Geroellhalden in endlose Tiefen, Felsbloecke so groß wie Haeuser ueber dem Zug haengend, himmelhohe Waende ueber dem glitzernden rollenden Hotel...

Ein Gueterzug mit sieben Lok der Burlington und der Denver and Rio Grande Western wartet auf einem Ausweichgleis am Red Canyon. In Dotsero muendet die Strecke aus Pueblo und dem beruehmten Royal Gorge des Arkansas River ein. Und wieder tritt der Zug in eine Schlucht ein, den Glenwood Canyon: senkrechter roter Fels, an dessen Fuß der Superliner wie an den Waenden eines Saales entlanggleitet, dicht ueber dem gelbgruenen Wasserspiegel des aufgestauten Colorado.

Am Ende der Schlucht haelt er an einem putzigen Stationshaeuschen mit Tuermchen wie eine Gruenderzeitvilla, gegenueber von einem turmbewehrten Kurhotel auf der anderen Seite des Flusses: Glenwood Springs, der Ort, von dem aus Teddy Roosevelt waehrend seiner Kur mittels eines taeglichen Kurierdienstes die USA regiert hatte. Aussteigen an dem einzigen Bahnsteig.

Unser Hotel liegt gleich vor dem Stationshaus, unter dem Zimmerfenster rumpeln nachts die Siebzigwagenzuege, Musik fuer den Eisenbahnfreund. Nur allzu schnell gehen die Tage vorbei, Erinnerung nurmehr bleibt der schneebedeckte Tennessee-Pass der einstigen schmalspurigen Denver & Rio Grande Railway, oder ein Aufenthalt in einer Country Lodge von der Jahrhundertwende mit Empire-Fauteuils unter einem ausgestopften Elch-Kopf, Pensionisten mit Cowboyhueten im Stil von John Wayne an der Bar.

Abreise von Glenwood Springs am 26. April mit dem California Zephyr. Unter Gewitterhimmel ziehen die kahlen Berge Colorados vorueber. Hinter Grand Junction taucht der Zug in den Ruby Canyon ein: horizontale Felsformationen, tischflache "Mesas", in der Ferne die schneebedeckten Berge von Utah.

Steppe, gewaltige Geroellhuegel, bizarre Zinnen, Wolken mit Eisschirmen ueber der Einsamkeit... Die Sation Helper, so benannt, weil hier frueher die Vorspannlokomotive ("helper") zum Erklimmen des beruechtigten Soldier Summit angekuppelt wurde. Heutzutage geht es ohne Vorspann empor - waehrend im Speisewagen das Dinner serviert wird. Vierter am Tisch ist ein Schwarzgelockter mit Schnurrbaertchen, der mit allerlei Geschichten (was er macht? Golfspielen. Profi? Nein, aber er koennte. Schon im Ausland gewesen? Nein, aber demnaechst wird er einen Porsche Turbo in Deutschland abholen. Bei der Geschwindigkeitsbegrenzung? Man braucht eben Freunde bei der Highway Patrol. Und "Your ladies are very pretty"...) die Zeit angenehm zu verkuerzen weiß. Auf der Passhoehe scheint im Westen violett ein letztes Abendrot ueber die entfernten Bergspitzen, bevor sich der Zephyr ins naechtliche Tal hinunterschraubt.

22 Uhr 15. Salt Lake City. Eine laue Fruehsommernacht, zwei Zuege mit zwei und drei Wagen, Superliner und Hi-Level, warten vor dem schoenen Rio Grande-Bahnhofsgebaeude, der Pioneer nach Seattle und der Desert Wind nach Los Angeles. Eine Amtrak-Diesellok stellt ihnen Wagen aus "unserem" California Zephyr bei. Leider sind von der friedvollen Stadt der Mormonen nur die Lichter zu sehen.

Sieben Uhr morgens, Nevada. Steppe so weit das Auge reicht, Wuestenberge am Horizont. Reno: Hotels, Motels, Casinos in Rot, Gelb, Gold, Flitter und Glitz am Rand der Wueste. Durch Kiefernwaelder aufwaerts faehrt der Zephyr der schneebedeckten Sierra Nevada entgegen. "Hotel steamheated $1.00" steht auf einem der alten Holzhaeuser in der Silberminenstadt Truckee zu lesen. Ein Gueterzug kommt den Berg herab, in einer Ausweichstelle wird ihm begegnet. Tief unten liegt ein See, der Donner Lake. Anstieg zum "Big Hole", dem Tunnel des Donner Passes, Schnee neben dem Gleis, Lawinengalerien, unten die Autobahn New York - San Francisco. Und dann geht es den "Hill", den schwierigsten Abschnitt der einstigen Central Pacific, in zahlreichen Schleifen abwaerts nach Kalifornien, im Schatten von Traenenkiefern, Zedern und Redwood-Baeumen.

Lunch, Hummersalat. "Servus, Brotzeit", sagt der schwarze Oberkellner. Er war fuenf Jahre lang in Deutschland gewesen. In Colfax grueßt ein ockerbrauner alter Expresszugwagen der Southern Pacific. Draußen ist nun gruene Ebene und im Zug herrscht Aufbruchstimmung. Im "Coach" sammelt der schwarze Attendant die Kissen ein. Morgen wird er wieder nach Chicago starten und anschließend neun Tage bei seinen Kindern in Virginia verbringen, bevor der naechste Trip beginnt.

Über den Wiesen ragen die Silhouetten von Schiffen auf, die "eingemottete" Flotte in der Suisun Bay. Dann Martinez, glitzernd die San Pablo Bay, die San Francisco Bay, der Pazifik. Man koennte ins Philosophieren kommen ueber Gottes schoene Welt. Oakland, Endstation. Umsteigen in den Amtrak-Bus ueber die Bay Bridge nach San Francisco.


California Zephyr, Eastern Rockies, 1987 (WS)



California Zephyr, Superliner Lounge (WS)



San Francisco, Golden Gate Bridge (WS)


Irish Mail California Zephyr The Canadian Jakarta - Bandung "Spirit" Melbourne - Sydney New Zealand Chief


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