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T h e   C a n a d i a n



Vancouver (WS)



Canadian (Montreal-) Toronto - Vancouver, Vermilion Lakes, 1987 (WS)

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Am Abend des 6. Mai 1985 verlaesst der Canadian, der Paradezug der VIA Rail Canada, die Canadian National Station von Vancouver mit drei General Motors-Lokomotiven und 15 Wagen. Auf einem anderen Gleis steht mit gruenen Sechsachsern der Nostalgiezug "Okanagan Express". Vom abgedunkelten Dome Car des Canadian, den die Eisenbahner nur als Number 2 und Number 1 kennen, sieht man, wie sich der Scheinwerferkegel der Lok in die Nacht hinein bohrt.

Vier Uhr morgens: baumlose Berge, ausgewaschene Erdhaenge. Spaeter Buerobauten neben primitiven Haeuschen in der Einsamkeit: Kamloops. Die Canadian National, die sich von Vancouver her das Tal des Fraser River mit der Canadian Pacific teilen muss, zweigt hier zum Red Pass ab. Den Columbia River entlang, ueber Almwiesen und durch dunkle Waelder kurvt unser Zug ueber die CP zu den Rocky Mountains empor. Ein schwarzer See, auf dem Baumstaemme schwimmen, Schnee bis herab zu den Schienen, mehrere Tunnels, alles unter einem bleigrauen Himmel, der Eagle Pass.

Halt in Revelstoke. Weiße Dampfwolken steigen aus den Heizkesseln ueber den drei Lokomotiven auf. Und der Schaffner verkuendet: Der Express bleibt hier, auf der Strecke ist ein Gueterzug entgleist.

Innerhalb von nur zwei Stunden sind sieben Greyhound-Busse zur Stelle, alle mit WC. In sausender Fahrt befoerdern sie die 250 Passagiere (meist japanische Touristen, aber auch eine Deutsche sitzt im Bus) den Rogers Pass aufwaerts. Rechts unten ist zwischen Geroellhalden und Lawinenstrichen das Gleis der Canadian Pacific sichtbar, bis es im Connaught Tunnel verschwindet. Auch die Masten eines Elektrifizierungstests und die Reste der aufgelassenen Trasse ueber die Passhoehe sind zu sehen. Unheimlich steil fuehrt die Bahn auf der anderen Seite abwaerts, auf Bruecken ueber Schluchten hinweg, im Schatten von verschneiten Felswaenden, die sich immer gewaltiger auftuermen.

Weiter geht die Fahrt durch eine Klamm, rechts am Hang klebt das 1909 verlassene Gleis des "Big Hill", ueber dessen 45 Promille-Steigung vier Dampflokomotiven die Zuege zum Kicking Horse Pass empor gewuchtet haben, links ist die neue Trasse mit den Spiraltunnels zu sehen. An der Haltestelle Lake Louise kann in einen Bus zu dem durch unzaehlige Postkarten bekannten See umgestiegen werden. Links ragen rote Dolomitenfelsen auf, Bergkette reiht sich an Bergkette.

Fuer den Kurort Banff steht ein Aufenthalt im eigenen Reiseplan. Auch die meisten Japaner steigen hier aus. Sie wohnen im alten Canadian Pacific-Hotel, dessen Spitzen und Tuermchen mit dem Gezacke der Berge wetteifern. Die Busse indessen fahren nach Calgary weiter, wo der Zug aus Toronto gewendet wurde.

Am anderen Tag verkehrt der Zug normal. Gegen acht Uhr abends laeuft er in Banff ein. Und eine schoene Frau mit langen Zoepfen und einem Boxerhund steigt aus, schade. Nach der Abfahrt sind in der Abendsonne die Gipfel zu sehen, an die sich eine Wolke angehaengt hat, ueber waagrechten Schneebaendern und dunklen Felswaenden. Gefrorene Wasserfaelle haengen ins Tal hinab, aus dessen nun schon duesteren Waeldern Rehe bis an die Bahn herantreten. Weit oeffnet sich das "Tor der Praerie", das den Zug ins Flachland entlaesst. Vom Aussichtssalon aus sind im Abendrot noch die entschwindenden Rocky Mountains zu sehen, bis im Osten die Lichter der glaesernen Wolkenkratzer von Calgary auftauchen.

Nach der Nachtruhe geht der Blick ueber eine braungruene Ebene, an deren Horizont ab und zu weiße Farmhaeuser erscheinen. Einem Gueterzug mit CP- und Conrail-Lok wird begegnet, andere haben auch Chessie- oder Burlington-Lokomotiven. In Brandon, wo der Zug anhaelt, steht eine hoelzerne russische Kirche. Und die Schoene mit den Zoepfen und dem Boxer ist wieder am Bahnsteig. Der Kellner ruft zum Lunch im Speisewagen auf. Der wie ein Schiffsoffizier gekleidete Ober weist einen Platz zu, an dem Vietnamesen sitzen. "Boys only". - "Why?" - "By law." - "Law of the Province of Manitoba?" Da wendet er sich den aelteren Damen am Nebentisch zu: "You don't know how jealous I am...".

Winnipeg, zwei Stunden planmaeßiger Aufenthalt. In der Woche zuvor war der Gegenzug von Osten her ueber das Gleis der Canadian National, ueber einen Ort mit dem Namen Sioux Lookout, umgeleitet worden. Nochmals Tage zuvor fuhr er bis Vancouver ausnahmsweise ueber die Canadian National. Waehrend des eigenen Aufenthalts in Winnipeg hatte damals ein Spaziergang an die Bruecke ueber den Fluss Assiniboine gefuehrt. Mit zwei General Motors und fuenf ex-CN-Wagen war der Zug nach The Pas mit Anschluss nach dem fernen Churchill an der Hudson Bay ausgefahren. Puenktlich und unter Glockengelaeute kam dann "Number 2" von Vancouver her langsam und majestaetisch ueber die Bruecke - ein, zwei, drei, nein, sogar eine vierte General Motors, die Kavalkade wollte gar kein Ende mehr nehmen, dann die Wagen, Dome Cars, viele Schlafwagen, Speisewagen, in der Abendsonne glaenzte der Aussichts-Schlusswagen - ein Zug so schoen wie in einem Hollywood-Film...

Nun stehen in Winnipeg wieder vier Lokomotiven bereit. Ob die tatsaechlich den Zug uebernehmen? "Yes", lacht der Lokfuehrer, "heute machen wir den Job mit vier Maschinen". Ihr Auspuff huellt dann auch mit vereinten Kraeften die Aussichtswagen ein, er legt sich wie Erlkoenigs Nebelstreif an den Bahndamm, waehrend Number 2 nach Osten in die Nacht hinein faehrt. In der Kuppel des Dome Car erzaehlt eine Deutsche (die aus dem Greyhound-Bus), wie sie in einem amerikanischen Express einmal die ganze Nacht ueber Live Music hatten. Und beim Weg an die Bar, um ihr etwas Trinkbares zu holen, sitzt im Untergeschoß die Blonde mit den langen Zoepfen.

Am anderen Morgen, in einer kleinen Station, wo der Eisenbahnfreund auf den nahen Huegel rennt, um die vier Lokomotiven zu photographieren, fuehrt sie wieder ihren Boxerhund aus. Nun traegt sie ihre Lockenpracht offen, die Schaffner umringen sie. Vor der Tuer des "Daynighter" ist es bei jedem Halt ein Mr. Kharchenko, der die "steps", das Stufenpodest, aufstellt. Auf die Frage, ob er Russe sei, antwortet er entruestet:"Ukrainer". Russen oder Ukrainer - waren nicht zahlreiche Adelige unter ihnen nach der Revolution Schaffner in Europas Grands Express geworden?

Der Zug faehrt am Lake Superior entlang, biegt in unzaehligen Kurven um die Buchten, immer hoch ueber dem Wasser, das bis an den Horizont reicht, ohne Boote und ohne irgend ein Anzeichen menschlichen Lebens. An einer Stelle ist das Gleis in die Steilwand gesprengt, oft geht es durch kleine Tunnel, immer wieder durch Nadelwald. Dann dehnt sich scheinbar endlos die Fahrt durch das Shield, durch die nordischen Urwaelder des Ostens und - waehrend der Zug an Felsbuckeln wie an versteinerten Gnomen vorueberschaukelt, taucht "sie" am Vorhang eines Roomette-Abteils auf: Mary heißt sie, sie hat fuer die dritte Serie beim Abendessen reserviert.

Funkelndes Chrom im Speisewagen aus den vierziger Jahren, die korrekt uniformierten Kellner, der Service "in style", und Mary. - "Sorry, you are sitting on my hairs", sagt sie, "Sie sitzen auf meinen Haaren...". Nach dem Abendessen (Steak, als Vorspeise Lachs) ist Treffpunkt die vordere Lounge. Dort geben sich die Biertrinker ein Stelldichein. In der Tuer erscheint ein Kleiderschrank im grauen Trainingsanzug, Gewichtheber oder Zirkusathlet gewiss, aus dem Walkman droehnt Bruce Springsteen "Born in the USA", in Sudbury steigt nach getaner Arbeit ein Lokomotivfuehrer zu (was er fahre? "Freight", so um die 120 Wagen...) und laesst das Bier aus der Dose durch den Rauschebart ueber die Brust rinnen und in der Ecke sitzt seit Stunden ein aelterer drahtiger Herr; bei der Navy sei er gewesen, Minensuchboot... Er hat im Weltkrieg Deutsche, Russen, Italiener ausgebildet, alles Einwanderer, sie haben fuers ueberleben gekaempft, sie auf der einen, ihre Landsleute auf der anderen Seite, "for survival only". Beim Aufstehen wankt er, und sagt: "Ploetzlich merkst du, du wirst alt." Und - "ich habe vor sieben Jahren meine Frau verloren und ich verliere sie immer noch... God bless your flight."

Um halb eins werden in der Lounge die Lichter geloescht. Draußen ziehen die Sterne vorueber. Der Zug faehrt Toronto, dem Morgen, entgegen.

I am a great train
Lightened windows streaking the narrow dark,
berths opened out, brown blankets spread, circling towards the sun,
running, running, running,
into the long land, into the Eastern night.
Richard G. Esler

Vancouver - Toronto in 1985, dinner time (WS)



Canadian Vancouver - Toronto (- Montreal), Lake Superior, 1985 (WS)

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