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T r a v e l s  -  R e i s e n




N a c h   B u k a r e s t !


Quer durch Europa von Westen nach Osten
Ruettert und rattert die Bahnmelodie
Gilt es die Seligkeit schneller zu kosten?
Kommt er zu spaet an im Himmelslogis?
Fortfortfort fortfortfort drehn sich die Raeder
Rasend dahin auf dem Schienengeaeder;
Rauch ist der Bestie verschwindender Schweif,
Schaffnerpfiff, Lokomotivengepfeif...

Detlev von Liliencron
"Blitzzug"




Paris (WS)


Fast ein Jahrhundert nach Abfahrt des Blitzzugs oder "Train Eclair" in Paris umgibt die verschiedenen Orientzuege noch immer eine Atmosphaere des Geheimnisvollen wenn sie, schwarz und massig, auf den Pariser Bahnhoefen zur Abfahrt bereitgestellt werden. Das Monster unter ihnen ist in jenen sechziger Jahren der Direct-Orient. Gegen Mitternacht am Bahnhof Gare de Lyon, als der Lautsprecher geduldig die vielen Stationsnamen aufgezaehlt hatte ("Verona, Venezia, Trieste, Ljubljana, Zagreb, Belgrade, Dragoman, Sofia"), als ein paar Muetterchen in Balkantrachten den Wagen nach Istanbul suchen und als auf einem anderen Gleis gerade der silberglaenzende Mistral einfaehrt (dem sieht man es an, dass er nicht aus Dragoman kommt), kann es damals vorkommen, dass nicht weniger als vier Zuege der Direct-Orient-Gruppe zur Abfahrt dastehen: einer nach Brig, ein zusaetzlicher Sonderzug nach der Schweiz, der Hauptzug mit ungefaehr 17 Wagen und der Fluegel nach Interlaken mit einem Teil nach Morez im Jura.

Am Ostbahnhof von Paris, Gare de l'Est, dem groeßten Bahnhof von Europa, wird der Orient-Express, der separate Zug nach Prag ueber Frankfurt und der Arlberg-Express bereitgestellt. Am Ostermontag 1967 faehrt dem Orient-Express ein Zug mit 15 Wagen nach Karlsruhe voraus, angefuellt mit franzoesischen Soldaten auf der Rueckreise in ihre deutschen Garnisonen. Daneben steht der Hauptzug mit 17 Wagen: Eine BB16000, ein Schlafwagen LX nach Stuttgart, die Gruppen nach Wien, Budapest und Salzburg, dunkeloliv, dazwischen drei dunkelblaue Wagons-Lits, am Schluß zwei blaue Touropa-Sonderliegewagen. Abfahrt nach Ansage auf deutsch und franzoesisch. Die Reisenden eines hell erleuchteten Vorortzuges, an dem sich der Express langsam vorbeischiebt, moegen von den Wagen nach Salzburg, Wien und Budapest kurz Notiz genommen haben, bevor der große Zug in der Nacht verschwindet. Nur die vorueberfliegenden Stationsschilder und die Halte auf den Bahnhoefen Chalons-sur-Marne, Vitry-le-Francois, Toul und Nancy unterbrechen die Monotonie der Nachtfahrt. Kurz nach dem 2. Weltkrieg waren hier die riesigen Mountain 241A von der Est mit dem Orient-Express durch die Dunkelheit gestuermt. In Straßburg, wo gewoehnlich die 50Hertz-Wechselstromlok gegen Zweistromlokomotiven zur Weiterfahrt nach Kehl getauscht werden, laeuft auf einem anderen Gleis gerade ein Schnellzug ein, vielleicht der Rapide Basel - Calais mit Wagen aus dem Arlberg-Express.

Nach ueberstandener Nacht, bei Einfahrt in den Stuttgarter Hauptbahnhof, wartet gegenueber eine E10 mit einem aelteren DSG-Speisewagen nach Wien. An alten Fabriken, ehrwuerdigen Direktorenvillen und an koeniglich-wuerttembergischen Stellwerken vorueber winden sich die 15 Wagen aufwaerts, der Schwaebischen Alb entgegen. In Geislingen schiebt sich eine sechsachsige E94 oder E93 an den letzten Wagen, um dem Zug ueber die Steige hinaufzuhelfen (spaeter sollte die 103 die Schublok meist ueberfluessig machen). Die Donauebene liegt grau da, ueberragt vom Ulmer Muenster. Der Zug huscht durch die kahlen Flusswaelder. Der letzte Zauber von Paris verfliegt, als in Augsburg in das nun leere Abteil der erste Passagier des neuen Tages einsteigt, ein Bauer aus dem Suedosten. Beim naechsten Halt, in Muenchen, faehrt auf dem Nachbargleis der Entlastungszug Stuttgart - Wien ein: eine E17 und nur zwei Wagen.


Orient-Express, DB 01 240 via Simbach (!), Muenchen, Dec.1961 (WS)


Ein anderes Mal, es ist der 30. Mai 1970, soll es endlich von Muenchen nach Bukarest gehen, dem oestlichen Ziel des Orient-Express. Und wegen einer Betriebsstoerung wird der Zug ueber Muehldorf -Freilassing umgeleitet! Eine Diesellok 218 uebernimmt im Hauptbahnhof den Express, es sind 16 Wagen, und deshalb muß die Gruppe Muenchen - Wien ausfallen. Ein Jahrzehnt vorher ist fuer solche Umleitungen, die sogar ueber Simbach fuehrten, eine Pacific 01 eigens aus dem Betriebswerk Treuchtlingen (durch Bw-Chef Kronawitter, dem Lokomotivhistoriker) gesandt worden... Leute mit Gepaeck draengen sich durch die Wagen, die Gaenge sind voll mit Koffern. Nur in einem Erster-Klasse-Abteil des einzigen rumaenischen Wagens ist noch Platz auf roten Plueschsesseln. Hinter dem Ostbahnhof geht es hinaus auf die Strecke, die der Express vor 1897 benuetzt hatte. Stellwerksbeamte schauen neugierig zu ihrem Fenster heraus, Huegel, Wiesen, Bauernhoefe ziehen gemaechlich vorueber. In Schwindegg steht der Fahrdienstleiter am Bahnsteig, das Schloß im Hintergrund, in Muehldorf kommt der Jugoslavia-Express mit einer 218 vor seiner 118 entgegen, in Garching haelt der Tauern-Express aus Oostende neben uns, in Wiesmuehl faehrt der Hellas-Express aus Athen in zwei Teilen durch. An Fenstern von Wohnhaeusern bewegen sich die Gardinen, Neugierige schauen die Zuege an, die so fremd sind auf dieser eingleisigen Nebenstrecke. In Freilassing, nun wieder auf der Hauptstrecke, uebernimmt die 118, die gerade mit dem Tauern-Orient hereingekommen ist. Ankunft in Salzburg mit ueber zwei Stunden Verspaetung. Eine oesterreichische 1010 loest die 118 ab.


Orient-Express via Muehldorf - Freilassing (!), DB 218, Garching, Nov. 1982 (WS)



Orient-Express via Holzkirchen (!), Grosshesselohe, Nov.1983 (WS)



Orient-Express Paris - Budapest with OeBB class 1010 passing Stift Melk on Good Friday 1968 (WS)


Aboard the Orient-Express (by WS)

Orient-Express tradition still in the 1970s - a Hungarian diner (WS)

Viele Leute stehen jetzt im Seitengang des Wagens Stuttgart - Bukarest, aermlich und freundlich. Huegelland, k.k.-Bahnhofe, Linz und die Voest-Stahlwerke, Enns und die Roemerkirche, bei Ybbs die Donau, Stift Melk, Steigung zum Wienerwald hinauf ("warum ist die Straße so tief unten", fragt unser Kind), stuckverzierte Mietskasernen, dann der neue Wiener Westbahnhof. Sieben Wagen von Wien, Koeln und Dortmund nach Budapest stehen hier, die Reisenden haben seit drei Stunden gewartet. Eine Diesellok 2143 wird den Orient-Express zur ungarischen Grenze bringen.

Bei der Durchfahrt durch Poechlarn ist unterwegs eine kleine, mit Kreuz und Flieder zum Abschied geschmueckte Dampflokomotive zu sehen gewesen. Wie ruehrend im Vergleich zu dem, wie die Westbahn einst unter den 214 erzittert ist, wenn sie mit ihrem boesartigen Staccato die Stationen durchrast haben, am Abend mit dem Orient- und dann dem Arlberg-Orient-Express. Das war die duestere Zeit, als an der Ennsbruecke alle Zuege stehenbleiben mussten zur Kontrolle durch die Sowjets, die Zeit der Viermaechtestadt Wien, die Zeit von Graham Greene's "Dritter Mann". Wenn damals der Arlberg-Orient-Express zur Überstellung nach Wien Sued (Ost) hinter einer Kriegslok der Reihe 52 im Westbahnhof stand, konnte man draußen zuweilen eine russische SIS-Limousine vorfahren sehen.

Am anderen Morgen ist im "Wiener Walzer" nach Bukarest schon zwei Stunden vor Abfahrt kaum mehr ein Platz zu bekommen. Die Leute werden auf den Wagen Koeln - Budapest vertroestet, der aus dem Oostende-Wien-Express ueberstellt wird, aber der ist noch voller. Koffer und Saecke sind im Gang gestapelt. Und am Bahnsteig taucht unser erster Eisenbahnfreund auf, Historiker Fritz Stoeckl, er faehrt mit dem Arlberg-Express nach Westen. Dann geht es hinaus in die Ebene, unter dem tonlosen Gequaeke der Diesellok nach Osten. An der Grenze in Hegyeshalom, in Sichtweite der Wachtuerme, kommt der Orient-Express hinter der hellblauen ungarischen Ellok V43 entgegen, die dann unseren Zug uebernimmt. In Gyoer stehen noch Dampflokomotiven der Reihen 411 und 324. Und im Express kontrollieren die Zoellner: Ein Ungar muß alles auspacken, Kleidung, Schuhe, ein anderer breitet Auto-Ersatzteile am Boden aus. Ein Franzose erzaehlt, dass er einst in Budapest geheiratet hatte. Vor dem Krieg besaß er ein eigenes Flugzeug, jetzt faehrt er 2. Klasse.

Eine Halle, hoch wie eine Kathedrale: Budapest Ostbahnhof. Auf einem anderen Gleis steht der Zug nach Moskau mit 8 sowjetischen Schlafwagen, ordensgeschmueckte russische Offiziere davor. Am naechsten Morgen laeuft in den von Eiffel erbauten filigranen Westbahnhof hinter einer Diesellok des russischen M62-Typs der hellblaue Touristen-Express der DDR aus Varna ein, zur Weiterfahrt nach Dresden. An einem anderen Tag kommt ein silbern schimmernder dreiteiliger Salontriebwagen von Ganz-Mavag im Ostbahnhof an. Eine schwarze Tatra-Limousine holt den Ehrengast ab, eskortiert von vielen schwarzen Mercedes. Am Abend, es ist der 2. Juni, stehen fuenf schwaerzliche ungarische Wagen und der Speisewagen nach Bekesczaba am Prellbock, davor drei Wagen Budapest - Bukarest. Ein hellgruener rumaenischer aus Stuttgart und der Wagon-Lits 3610 Typ YT Paris - Bukarest werden an die Spitze rangiert, dann ist der Orient-Express hinter einer dunkelroten M61-Diesellok nach General Motors-Lizenz bereit zur Abfahrt. Im Speisewagen gibt es zum Abendessen ein vortreffliches Pariser Schnitzel fuer umgerechnet einen Dollar. Im Schlafabteil wurden inzwischen die Betten gemacht.

Die Lichter von Szolnok sind verlassen, die letzten Reisenden haben den Gang des Schlafwagens durchquert. Das monotone Roehren der Diesellok toent durch das Fenster, wenn man es oeffnet. Eine Nacht, einen Tag und nun schon eine zweite Nacht begleitet das endlose Rattern auf eisernen Schienen das Leben in den kleinen Kabinen des WL Paris - Bukarest. Der Seitengang ist menschenleer, kalt greift durch das offene Fenster die schwarze Nacht in die kleine Welt aus Metall, Kunststoff und Neonlicht - die Reisenden liegen in ihren Betten, die Lichter werden ausgemacht, dumpf dringt das Mahlen und Singen der Raeder und Achsen an das Ohr, Hunderte oder Tausende Kilometer von zu Hause entfernt.


Balt-Orient-Express Bucuresti - Berlin, MAV V63 023, Puskopladany 1990 (WS)

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Der Schlaf und das gleichmaeßige Hin und Her der Kleiderbuegel wird erst gestoert, als der Express an einer Grenze zur Ruhe kommt. Im Halbschlummer ist die Erklaerung ueber Goldschmuck auszufuellen. Nur wer einen Diplomatenpaß besitzt, kann ungestoert durchschlafen. Waehrend des naechsten Aufwachens dringt schon etwas Licht durch den schmalen Spalt neben dem Rollo. Draußen liegt ein schmutziger nasser Bahnsteig im Morgengrauen. Dunkel gekleidete Gestalten warten in der Kaelte auf den Fruehzug. Bald kommt er herein, triste alte Wagen, gezogen von einer preußischen Dampflokomotive.

Beim abermaligen Erwachen bewegt sich der Zug in einer grauen, regentriefenden Landschaft ohne Baum und Strauch. Weit weg vom Gleis stehen die Telegrafenmasten. Ein Bahnwaerter schwenkt im Regen eine Lampe. Die Doerfer bestehen aus winzigen Haeuschen an breiten Erdstraßen, die vom Regen aufgeweicht sind: Siebenbuergen. Seit Loekoeshaza hinter einer rumaenischen Diesellok, wohl 060DA, faehrt der Express ueber wolkenverhangenes Huegelland. Ein Herr im Schlafanzug steht am Fenster des Wagon-Lits, ein Junge winkt dem fremden Zug nach. In Brasov, Kronstadt, wird eine silberne Ellok 060EA vorgespannt, dahinter laufen drei und am Schluß nochmals sieben hellgruene rumaenische Wagen, einer davon das Restaurant. Zum Fruehstueck gibt es Schinken, Tee oder tuerkischen Kaffee. Ein Einheimischer isst Fisch und trinkt Bier. Als der vom Ober angebotene Cognac hoeflich abgelehnt wird, bringt er ungefragt lokalen Tsuika-Schnaps, ein Wasserglas voll.

Durch ein Gebirgstal neben einem reißenden Fluss zwischen hohen Bergen geht es vom Predeal-Pass abwaerts. Am Bahnsteig in der Sommerfrische Sinaia blickt eine fremdlaendische Schoene melancholisch dem Schlafwagen aus Paris nach. Der Zug faehrt hinaus in das flache Land. Ploesti, Wohnbloecke und Industrie. Mit etwa 120 km/h geht es ueber die Ebene, Waggontueren stehen offen. Der Schlafwagenschaffner gibt die Fahrscheine zurueck, zoegerlich, als waere er des Trinkgelds nicht sicher gewesen.

Bukarest, bei der Einfahrt begrueßen sich einige Freunde mit lauten Rufen und Blumen. Gegenueber zischt eine Pacific 231 des Maffei-Typs. Tags darauf, beim Photographieren vom Fußgaengersteg ueber den Gleisen kommt ein Polizeioffizier, teilt mit, dass das Photographieren dort verboten ist - und raet in dezenter Freundlichkeit, den Platz im eigenen Interesse lieber zu verlassen... Nun hat man Zeit fuer einen Spaziergang entlang den einst praechtigen Gruenderzeitbauten an den Boulevards des alten Bukarest.


CFR Maffei Pacific 231, Bucuresti Nord (coll. Heribert Schroepfer)




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