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T r a v e l s  -  R e i s e n




B e r l i n   -   B a l t i k u m


Express St. Petersburg - Berlin, Russian consist, departure Vilnius, April 1992 (WS)


The Soviets' strategic reserve on standard gauge: ex-German class 52 in the former Ostpreussen, 1992 (WS)


Train 101 Kaliningrad - Moscow, class 2M62U, Klaipeda (the former Memel), April 1992 (WS)


Train 101, "hard" car originally for express Yantar, Klaipeda, April 1992 (WS)


Berlin, Karfreitag, 17.April 1992. Nass spiegeln die Bahnsteige des Bahnhofs Zoo, die Gedaechtniskirche steht im Regen, alte Menschen warten am Gleis 4, ein Mann sagt etwas wie "alles niedergebrannt, aber die Leute sind nett, deswegen fahre ich immer wieder hin". Der Lautsprecher kuendigt an: "Einfahrt eines Sonderzuges...ueber Frankfurt an der Oder, Posen, Marienburg nach Koenigsberg." Bis kurz zuvor hatte es dieses Wort aus Berliner Bahnhofslautsprechern jahrzehntelang nicht mehr gegeben. Es sind Wagen aus dem einstigen Regierungszug der DDR, die in den Bahnhof einrollen, fast alle mit der Bezeichnung "Salon" auf den dunkelgruenen Seitenwaenden, elf Wagen hinter einer Diesellok sowjetischer Konstruktion der Baureihe 234.

Reichsbahnschaffnerinnen helfen beim Einsteigen, das Abteil in dem Universal-Schlafwagen mit der Endnummer 031 ist bequem, Scheibengardinen unterscheiden es von gewoehnlichen Wagons-Lits. Über den Abteillautsprecher werden die Reisenden im Auftrag der Veranstalter begrueßt, Bahntours und Railtours Mochel. Die Abfahrt gleicht einem Geschichtsunterricht: Reichstag, Reste der Mauer, Palast der Republik, Hauptbahnhof, einst Ostbahnhof, einst Schlesischer Bahnhof. Ob die Wartenden an der S-Bahn Honeckers Regierungszug erkennen?

Es geht hinaus in einen trueben Regenabend, durch die Kiefernwaelder der Mark Brandenburg. Ein Zug mit der "russischen" Dieselbaureihe 232 und hohen sowjetischen Waggons huscht auf dem Gegengleis vorueber. Ein Post- und sieben Schlafwagen sind fluechtig zu zaehlen - der Moskwa-Express. Aus dem Lautsprecher kommen Informationen ueber Halte in Frankfurt (O) und Reppen zum Lokwechsel, Streckenfuehrung ueber Posen und Dirschau, dort wird die historische Linie durch den einstigen "polnischen Korridor" erreicht, Elbing - Marienburg - Koenigsberg. Und die neueste Nachricht: seit heute heißt Russland "die Russische Foederation".

Die polnische Kontrolle in Frankfurt (O) ist weltmaennisch, ein Stempel in den Pass, das war's. Nach dem Sonderzug faehrt eine aus hohen russischen Wagen bestehende Garnitur ein, Gepaeck- und mindestens sieben Schlafwagen. Die Elektrolokomotive der Baureihe 243 wird abgekuppelt, eine Dieselrangierlok beginnt zu verschieben - es ist einer der in keinem Kursbuch verzeichneten Militaerzuege der Sowjetarmee in Deutschland.

Die Speisewagen unseres Regierungszuges sind geoeffnet, eine schweizerische Reisegruppe war in die Nummer 7 zum Abendessen gebeten worden, wir gehen durch den teppichbelegten Seitengang eines Kuechenwagens in das Restaurant 3, den Wagen 056. Ein holzgetaefelter Salon ueber fast die ganze Laenge, breite weiß gedeckte Tische nur an einer Seite, die andere als großzuegige freie Flaeche, lassen die drangvolle Enge normaler Speisewagen vergessen. Die "roten Preußen" wussten schon zu reisen... Vor dem Zubettgehen noch ein Blick aus dem geoeffneten Fenster: der Zug steht in Rzepin, dem einstigen Reppen, Kohlenrauch kommt von draußen, der Geruch des Ostens. Im Staatszug der DDR in die Russische Foederation zu fahren - der Gedanke zum Einschlafen erscheint surreal.

Halb drei nachts, Menschen in einem groeßeren Bahnhof. Es muss Bydgoszcz, das fruehere Bromberg sein. Vor Jahren hatte hier ein polnischer Freund in seine Dienststelle eingeladen, das Direktionsgebaeude der einstigen preußischen Ostbahn, der ersten Verbindung Deutschland - Russland. Über deren urspruengliche Strecke faehrt der Zug unter dem Fahrdraht nach Norden, waehrend die bekannte neuere Ostbahnlinie ueber Pila, einst Schneidemuehl, ihres zweiten Gleises beraubt in einen Dornroeschenschlaf versunken ist. Nicht enden wollendes Eisengetoese weckt um vier Uhr, draußen huschen staehlerne Brueckenbogen vorueber, dahinter schimmert ein Gittertragwerk. Es sind die mehr als einen Kilometer langen Weichselbruecken von Dirschau, heute Tczew, die neue und die alte.

Klopfen an der Tr, Aufwachen, polnische Passkontrolle. Die Sonne geht ueber der Ebene auf, die Station heißt Braniewo, frueher Braunsberg. Beim Ausfahren an den deutschen Signalen vorueber ist vorn eine "Taigatrommel" in Gruen zu erkennen, die M62 der sowjetischen Eisenbahnen. Die polnische Diesellok SU 46, die seit Elblag oder Elbing vorgespannt war, wo die Gleichstromfahrleitung endet, bleibt zurueck. Der Zug faehrt auf dem rechten Gleis, das linke ist die russische Breitspur, welche bis Polen hineinreicht. Nur Schotterwagen stehen auf ihr herum, sie hat keinen Verkehr. Eine Warntafel, ein staehlerner Steg ueber den Gleisen, ein Tor, Lautsprecher und Scheinwerfermasten im Wald: die russische Grenze. Halt. Im Raureif kommen ueber das Gegengleis mindestens fuenfzig Soldaten in langen Uniformmaenteln auf den Zug zu, besetzen jede Tuer, Monteure in Lederjacken mit ledernen Helmen kriechen unter die Wagen, Offiziere kontrollieren die Visa. Weiterfahrt an den zweifachen Stacheldrahtzaeunen und den zweifachen Todesstreifen vorueber und - Dutzende ehemaliger deutscher Kriegslokomotiven der Baureihe 52, die Originalnummern noch angeschrieben, in Schwarz mit roten Raedern und weißen Radreifen, stehen an der rechten Seite, die geheimnisvolle strategische Lokreserve auf europaeischer Normalspur, Schornstein nach Westen fuer den Ernstfall...

Einfahrt dann in den Bahnhof Mamonovo, Heiligenbeil. Posten riegeln den Bahnsteig ab. Nach einer knappen Stunde holpert der Zug hinaus in eine liebliche Landschaft, an einzelnen bunten Bahnhofshaeuschen, an schwarzgefleckten Kuehen und an Lichtsignalen in der Einsamkeit vorueber. Keinerlei Verkehr auch hier. Industrieschlote kuendigen Koenigsberg an, das Breitspurgleis zweigt nach links ab, der alten Ostbahn folgend. Der Zug laeuft, in die fruehere Ostpreußische Suedbahn einmuendend, in einen Rangierbahnhof mit Umspuranlage ein. Nun kommt zum erstenmal eine andere Lokomotive in Sicht, wieder eine "Taigatrommel", dahinter Tieflader mit Panzern. Sie zeigen, welchem Zweck die Strecke diente...Nur provisorisch ist ein kurzer Bahnsteig aufgeschuettet, an dem unser Salonzug zum Stehen kommt. Über eine Boeschung stolpern die Reisenden mit ihren Koffern, angebettelt von kleinen Jungen, die Mark wollen und die sogar ein paar Worte deutsch gelernt haben, hinunter zu den rot-weißen Intourist-Bussen, welche auf einer Erdstraße warten. Kaliningrad Dzhershinskaya Novoya heißt der Platz, an dem der Zug aus Berlin endet, einst Koenigsberg-Rosenau.

Kaliningrad - es ist heute eine der merkwuerdigsten Staedte Europas gewiss. Kein Ruinenfeld, eher eine Grassteppe in ihrer Mitte, Ruine damals aber ihr eigentliches Zentrum: der Dom ohne Dach auf der Insel, Kants Grab an der Backsteinmauer. Die Kaliningrader sind freundlich, am Markt, wo man Hausrat gegen Lebensmittel tauscht, herrscht Gedraenge, die alte Aufseherin im Bernsteinmuseum bedankt sich fuer das kleine Trinkgeld mit einem schuechternen "spasiwo" und "do swidanja, auf Wiedersehen", die einheimische Reisefuehrerin zeigt den Suedbahnhof, den ehemaligen Hauptbahnhof, der ebenso wie der Nordbahnhof erhalten geblieben ist wie im Jahr 1929, als beide eroeffnet wurden. Hinter der Backsteinfassade in der staehlernen Halle sucht das Auge beinahe die Schnellzuglokomotiven der Baureihen 1710 oder 03, welche die aus alten "Preußen" zusammengesetzten Zuege aus Berlin brachten...

Den Hauptbahnhof hatte vor dem Krieg der D 1 mit einem Schlafwagen Paris - Riga des beruehmten Nord-Express durchquert - die "politische" Nordroute mit Anschluss nach Russland unter Umgehung von Warschau. Zur Zarenzeit war der Nord-Express als Luxuszug Paris - St.Petersburg noch ueber den alten Ostbahnhof, einen Kopfbahnhof, und weiter nach dem russischen Grenzbahnhof Wirballen gefahren.

Fuer die wiedererstandenen baltischen Staaten gab es zu Jahresanfang noch keine Reisebueros und außerdem wurden Horrorgeschichten ueber Fahrkartenschwarzhandel kolportiert, so dass es geraten schien, die Weiterreise nach Riga mit einem Touristenbus anzutreten. Chernyakhovsk, eine sehr verfallene Kleinstadt, ist das einstige Insterburg. Der Bahnhof hat Ähnlichkeit mit dem preußischen, wurde aber zumindest stark umgebaut. Schnellzugwagen aus der Zarenzeit, wohl ein Bauzug, sind abgestellt. Eine Backsteinkirche, umgeben von Panzern: Kibartai in kyrillischer Schreibweise, der fruehere Grenzort Eydtkuhnen. Der Bus kommt an den russisch-litauischen Zollschranken zum Stehen, auf der anderen Seite heißt die Ortschaft Kybartai, lateinisch geschrieben. Die Straße kreuzt die Eisenbahn, zwei Gleise, im Osten ist ein Bahnhof zu erkennen, ein roter Dieseltriebwagen davor. Das ist die Strecke, auf welcher der Nord-Express einst die deutsch-russische Grenze ueberquerte. Er fuhr auf dem "preußischen" Normalspurgleis in den russischen Zollbahnhof Wirballen, kyrillisch Verzhbolovo, wo auf Breitspur umgestiegen werden musste. In Gegenrichtung kam der breitspurige Nord-Express aus St.Petersburg auf dem "russischen" Gleis nach Eydtkuhnen herueber. Der eigentliche Ort Wirballen, litauisch Virbalis, liegt weitab von der Bahn.

Eine monotone Ebene unter dem duesteren baltischen Wolkenhimmel, das ist die Landschaft, die der franzoesische Dichter Valery Larbaud einst im Nord-Express zwischen Wirballen und Pskov erlebte: "Wir glitten ueber Wiesenland, wo die Hirten unter großen Baeumen, die wie Huegel aussahen, in grobe schmutzige Felle gekleidet waren...". Eine Altstadt am Fluss, weiße Barocktuerme: Kaunas am Ufer der Memel, Litauens Hauptstadt vor dem Krieg, deretwegen der Schlafwagen Paris - Riga nicht die kuerzere Strecke via Tilsit benuetzen durfte. Hier sind zum erstenmal seit dem Kaliningrader Vorortnetz Fahrleitungen und ein gruener Elektrotriebwagen zu sehen. Hinter Vievis, wo die Eisenbahn der Autobahn ganz nahe kommt, verlief in der Vorkriegszeit die Grenze des Polen angeschlossenen Wilna-Gebiets. Die Nord-Express-Linie war hier unterbrochen, die Gleise sollen zugewachsen gewesen sein. Die Hauptstadt Vilnius, einst Wilna: eine Barockstadt zwischen Huegeln, in die es vom Bahnhofsvorplatz hinabgeht. Das Stationsgebaeude zieren Stuck und Gesimse und im Inneren die Duesternis altrussischer Bahnhoefe, es stammt aber aus der Stalinzeit. Siebzehn Wagen lang steht der Express St.Petersburg - Berlin am Bahnsteig, eine qualmende Diesellok TEP 60 weit vorn, dunkelrot wie auch der Gepaeckwagen, dann viele gruene Vierachser mit Sowjetzeichen, am Schluss drei dunkelblau mit ockergelb gestrichene lettische aus Riga, alle im hohen Profil 0-T und saemtliche zum Schlafen eingerichtet, wie alle russischen Fernzuege. Das seit Jahren vorhandene Wechselstromnetz scheint auf bessere Zeiten zu warten.

Ein steifer Wind von See her, eisige Kaelte, sowjetische Militaerlastwagen, russische Offiziere am Bahnhof - so zeigt sich Memel, litauisch Klaipeda, an jenem 20.April. Neben dem neuen Stationsgebaeude ist noch der preußische Kleinstadtbahnhof zu erkennen. Ein roter Dieseltriebwagentyp D1 von Ganz-Mavag faehrt nach Vilnius ab. Dann stellen sich, trotz eines Schneeschauers, immer mehr Leute auf dem ungeschuetzten Bahnsteig auf, sie erwarten den Zug nach Moskau. Russische und litauische Polizisten haben Posten bezogen, endlich kommt aus Suedosten langsam ein schwerer Zug herein, die schmutziggruene, auch in der Kaliningradskaya Oblast anzutreffende 2M62U ohne Sowjetzeichen voran. Die Wagen sind voll besetzt, viele haben zum Gang hin offene Abteile, im Kursbuch als harter Platzkarten-Liegewagen bezeichnet, zwei fallen durch gelb-hellblaue Lackierung und die Schrift "Yantar" auf. Sie stammen aus dem Park des Paradezugs 1/2 Kaliningrad - Moskau, dessen Name "Bernstein" bedeutet und der die direkte Strecke ueber Vilnius - Minsk benuetzt, waehrend dieser Personenzug 101 die Marinestuetzpunkte bedient (spaeter sollte er eingestellt werden). Mit roten und gelben Flaggen geben die Schaffnerinnen in den Tueren Zeichen, dann setzen sich die 16 Wagen unter dem Winken der Zurueckgebliebenen in Bewegung, zunaechst in nordwestlicher Richtung, dann landeinwaerts ueber Siauliai, Daugavpils und Smolensk nach Moskau.

Bei Siauliai kreuzt unser Bus die Bahn, die zweigleisige Hauptstrecke nach Riga, bei Meitene stehen sich litauische und lettische Zollposten gegenueber, in Jelgava fuehrt die Linie vorueber an dem Barockschloss von Rastrelli, dem Baumeister des St.Petersburger Winterpalastes, und vor Einfahrt in Riga ueberquert sie die Daugava oder Duena - den fast einen Kilometer breiten Fluss, sturmgepeitscht an jenem Apriltag, auf einer vielbogigen Stahlbruecke, die Stadtsilhouette am jenseitigen Ufer: Schloss, romanischer Dom, die Spitze der Petri-Kirche, der phantastische Fernsehturm, die kuehne Vansu-Haengebruecke zur Linken, eine wahrhafte Metropole, Hansestadt, das "Paris des Ostens" einst, Hauptstadt heute - großartig.

In der modernen Centrala stacija, einem Durchgangsbahnhof, der 1960 an der Stelle des Oreler und Oberen Bahnhofs errichtet wurde, steht gegen vier Uhr nachmittags hinter einer neuen dieselelektrischen TEP70 der Zug 187 nach der estnischen Hauptstadt Tallinn bereit, 15 gruene Wagen des sowjetischen Typs, auch Speise- und Liegesitzwagen, am Schluss ein Vierbettkupeewagen aus Warschau, alle mit dem neuen Zeichen EVR der Eisenbahnen Estlands. Daneben laufen Dieseltriebwagen und Gleichstrom-Vororttriebzuege ein und aus, ein Gueterzug mit 2M62 rumpelt durch, kurz vorher waren Reisezuege aus Simferopol und aus Lvov, dem frueheren Lemberg, angekommen, beide mit TEP70, gruenen und blau-ockergelben Wagen und ein Zug nach Kiew mit einzelnen dunkelblau-hellblauen Wagen mit Sowjetwappen und dem Schriftband "Kiev Riga Brest" war abgefahren. Spaeter kommt ein Reisezug aus Minsk mit TEP60 an. Die einzige Dampflok sollte am anderen Tag auf der Daugava-Bruecke zu sehen sein, eine Gueterzuglokomotive der Serie L im Schlepp durch eine Dieselrangierlok ChME3.

Sein wahres Schauspiel erlebt der Bahnhof um sechs Uhr abends, wenn am ersten Bahnsteig ein Rennen und Hasten einsetzt, unzaehlige Koffer geschleppt werden, am Ausgang ein sonderbar in Rotbraun, Schwarz, Rot und Creme bemalter Wagen mit dem Schriftzug "Livonija" steht, die Schlussplattform mit Aussichtsfenstern versehen, wohl bis vor kurzem ein Dienstsalonwagen, davor ein blauer Wagen mit neun Zweibettabteilen, die Betten gegenueberliegend angeordnet, Blumenarrangements in den Fenstern, ueberaus korrekt in Dunkelblau uniformierten Stewards in der Tuer und der Aufschrift "Livonija Serviss", davor noch ein 18-Platz-Schlafwagen und schier unzaehlbare Vierbettkupeewagen, alle in Blau/Ockergelb mit dem lettischen Zeichen LGDz zwischen den Fenstern, einige dazu mit dem Zugsnamen "Latvija" in lateinischer Schrift auf den Seitenwaenden. Der zwoelfte Wagen von hinten ist der Speisewagen und der Zug geht weiter. Nun wird klar, warum die Reisenden so eilen, so hetzen, die Reihe der Wagen will kein Ende nehmen. Ganz vorn laufen noch zwei Platzkartenliegewagen, 24 Waggons sind seit dem Zugschluss zu zaehlen gewesen. Vorgespannt ist eine einzige rote TEP70, die sechsachsige dieselelektrische 4000-PS-Lok, natuerlich das Sowjetzeichen abmontiert. Der Zug 2/1 "Latvija" ist der schwerste internationale Express der Erde, Lettlands fuenfzigprozentiger russischer Bevoelkerungsanteil erklaert seine gute Besetzung, neben ihm fahren zum Rigaer Bahnhof von Moskau ueber Rezekne und Velikie Luki jede Nacht weitere vier Zuege und - nicht genug - "Latvija" ist ein Nachfolger des transsibirischen Kurierzugs: Ende der zwanziger Jahre verkehrte jener von Riga aus via Moskau nach Manzhouli und Wladiwostok!

Karfreitag der Russen in Riga - die Stadt ist von Schnee bedeckt, ein Wintermaerchen. Und die orthodoxe Kathedrale, jahrzehntelang Planetarium, ist wieder auferstanden. Die Busrundfahrt fuehrt am Markt vorueber und da steht, auf der Rueckseite der Centrala stacija, einer jener Salonwagen in Gruen mit der gleichen Endplattform wie der Schlusswagen des Zugs "Latvija" als Nummer 008 70014 ohne Sowjetzeichen.

Die Reiseleiterin hatte am Morgen erklaert, dass wir nicht mehr ueber Koenigsberg zurueckfahren koennen, da "die Polen den Korridor gesperrt haben". Der Sonderzug werde nach Grodno umgeleitet. Grodno liegt in Weißrussland. Die Fahrt dorthin geht im suedlichen Litauen durch das Seengebiet und dort, in Alytus, kreuzt die Straße eine eingleisige Bahn. Diese Linie muendete zur Zarenzeit in die Strecke Warschau - St.Petersburg, aber nach dem 1.Weltkrieg wurde sie im Osten bei Varena und im Westen bei Trakiszki durch Polen unterbrochen. Im Jahr darauf sollte der Anschluss nach Polen wieder geoeffnet werden. Eine Zollstation im Kiefernwald auf lettischer, eine einfache Bude auf weißrussischer Seite markieren die neue Grenze.

Holzhaeuser eines Vororts, dann die hohen Tuerme einer weißen Barockkirche und leere Schaufenster - Grodno. Der Bahnhof ist ein modernes Betongebaeude, ein Personenzug mit einer TEP60 faehrt gerade ostwaerts aus, rote Triebwagen der Typen D1 und DR1 sind abgestellt, Menschenmassen draengen sich auf den Bahnsteigen und - wirklich, am letzten Gleis steht "unser" Sonderzug! Bespannt ist er mit der polnischen Gueterzug-Ellok ET 22-996, die bis zum Warschauer Nordring laufen soll. Der Zug hat elf Wagen, das Mitropa-Rot fehlt diesmal. Ein Vierschienengleis ist das Geheimnis, wie er in diesen Breitspurbahnhof gelangen konnte.

Der Sonderzug war an jenem 25. April 1992 mittags angekommen. Die Reisenden aus Berlin hatten erst unterwegs von der Umleitung erfahren, nun steigen sie in die Omnibusse nach Ostpreußen oder Vilnius um. Ein einziger Fahrgast kam mit dem Intourist-Bus aus Kaliningrad. Er hatte eine Dampfreise fuer Ostern gebucht, diese fiel wegen der polnischen Streckensperrung aus und er stand, wie er erzaehlte, enttaeuscht mit seinem Koffer in Berlin. Kurz entschlossen nahm er den Express in Richtung St.Petersburg, verlangte in Vilnius eine Fahrkarte nach Kaliningrad, haette aber nur in Rubel bezahlen duerfen, besaß natuerlich keine, weil die Einfuhr verboten ist und die Bank war geschlossen. Da wusste die Schalterbeamtin guten Rat: sie schenkte ihm das Billet...

Auf dem ersten Gleis laeuft der Schnellzug Warschau - Grodno mit PKP-Wagen hinter einer polnischen Ellok EU 07 ein. Ein Normalspurzug also! Dann stellt eine ChME3T eine Zwanzigwagengarnitur bereit, in der Mitte das Restaurant, sonst alles die hohen Schlaf- und Liegewagen in Gruen, manche mit den Worten "Grodno - Moskva" in Gelb und dem Zugsnamen "Neman" in Blau angeschrieben. Der Zug umgeht litauisches Gebiet ueber Mosty - Lida - Molodechno - Minsk. Hinter einer dunkelroten Reisezug-Doppellok 2TEP60 setzt er sich unter einer schwarzen, dann blauen Qualmwolke langsam in Bewegung. Ihm folgt von Westen her der Express Berlin - St.Petersburg. Gezogen von einer "Taigatrommel"-Doppellok 2M62 faehrt er ein, die blau-ockergelben Wagen von Warschau und Berlin nach Riga an der Spitze.

Inzwischen haben Uniformierte das Gleis des Sonderzuges abgeriegelt. Sie fordern zum Einsteigen wegen der Zollkontrolle auf. Der Wagen, diesmal die Endnummer 103, ist noch schoener als der andere von der Hinfahrt, die Abteilwaende, Schraenke, sogar die Decke sind mit echtem Holz furniert, das Bett in roter Polsterung ist das breiteste, welches je in einem Schlafwagen zu erleben war und an der Tuer steckt ein richtiger Schluessel, wie im Hotel. Die DR-Schaffnerin hat saubergemacht, in Kittelschuerze poliert sie nun Spiegel und Tuergriffe. Und sie erzaehlt: Seit vielen Jahren arbeitet sie in diesem Regierungszug, fuer einige seiner Wagen, vor allem diejenigen mit Schlafraum und Kueche, gab es in Brest russische Breitspurdrehgestelle, die Ingenieure reisten zum Ausprobieren damit einige male nach Moskau, nicht aber die Politiker, die fuhren eher zur Hasenjagd. Nur einmal brachte der Zug eine Delegation zu den KSZE-Gespraechen nach Helsinki, ueber Brest. Gerne haette sie die Reise von Willi Stoph zu Willy Brandt mitgemacht, aber sie durfte nicht, weil sie Westverwandtschaft hatte...

Gegen 17 Uhr setzt sich der Zug in Bewegung, ueber die Memel oder den Neman hinweg nach Westen. Er faehrt auf dem linken Gleis, das rechte hat Breitspur und ist nicht elektrifiziert. Auf ihm kommt ein Reisezug aus sowjetischen Einheitswagen entgegen, eine M62 am Schluss. Eine Umspuranlage im Wald ist leer. Dann links eine, zwei, mehrere Dampflokomotiven, deutsche Kriegslok der Baureihe 52, eine strategische Reserve auf Normalspur, auch hier. Halt, Kontrolle des Zuges von unten und oben. Durch einen staehlernen Triumphbogen hindurch, der die Buchstaben "MIR" oder "Friede" in Kyrillisch fuer Blickrichtung nach Osten traegt, geht es in den polnischen Bahnhof Kuznica, vorbei an einer PKP-Dieselrangierlok der Serie SM 48 auf Breitspur.

"Danke, ich wuensche eine gute Reise" - das war die freundliche polnische Zollkontrolle. Bis spaet in die Nacht hinein dauert das Abendessen im Salonspeisewagen, werden Erinnerungen und Erlebnisse ausgetauscht. Regierungswagen, Bruecken oder gar die strategischen Dampflokreserven im Wald zu photographieren - vor wie kurzer Zeit noch haette das zu Verhaftung, Verhoer und einer unfreiwilligen "Reise" nach Sibirien fuehren koennen?

Daugava bridge and train 258 Riga - Baranovichi - Lvov, Riga 1992 (WS)



Express "Neman" Hrodna - Moscow with 2TEP60, Hrodna (=Grodno) 1992 (WS)


Ex-GDR government train to Berlin, 25 April 1992 (WS)


"Koenigsberg-Express", the former GDR government train, exceptionally running Grodno - Berlin, Polish ET22-996 on standard gauge track in Grodno, Belarus, April 25, 1992 (WS)

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