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T r a v e l s  -  R e i s e n




B r e n n e r - E x p r e s s


D482 Innsbruck - Kobenhavn, DB WL, Couchettes, Kufstein 1998 (WS)


Muenchen Hbf, 4. August 1978. Auf zwei Gleisen steht je ein Brenner-Express, einer nach Mailand, einer nach Rom (gegenueber ist gerade der Alpen-Express Rom - Kopenhagen eingefahren). Einige blaue Reisebuero-Liegewagen, dann der Schlafwagen Typ MU mit der Tafel MÜNCHEN - ROMA TERMINI, ein Gepaecktraeger mit vielen Koffern davor, und der Wagons-Lits-Schaffner in der traditionellen braunen Uniform, das sind die ersten Eindruecke. Neon leuchtet im Seitengang, Franzoesisch und Englisch ist zu hoeren, und natuerlich Italienisch. Der dezente Teppich setzt sich im Abteil fort und auch das Neonlicht, Alubeschlaege funkeln ueber dem weiß ueberzogenen Bett und den rot-schwarz karierten Wolldecken, ein Prospekt fuer Imbiss und Fruehstueck liegt aus, der braun Uniformierte nimmt Billet, Bulletin (das ist das Schlafwagenticket) und Pass entgegen (und damit wohl auch alle Sorgen), die Zollerklaerung ist nur eine Formalitaet - die Reise kann beginnen.

"Unser" Brenner-Express faehrt als zweiter ab. Die Lichter der Großstadt erleuchten den Wolkenhimmel. Es ist, als ob der Geruch nach Eisenbahn, nach Eisen und Rost, zum Fenster herein kaeme. Im Nachtschlaf, vom weichen Bett aus, ist das dumpfe Mahlen der Achsen zu hoeren...

"Rovereto" ruft eine Stimme am Gang, "noch zwanzig Minuten bis Verona", auf Italienisch. Steinhaenge, so hoch, dass die obersten Spitzen nicht zu sehen sind, das ist der Etschdurchbruch an der Salurner Klause. Dann Vorortbusse am Morgen, verrostete Dampflokomotiven, zum Verschrotten abgestellt, Verona.

Bei einer viel frueheren Reise, der ersten Italienfahrt im Jahr 1955, als Gymnasiast, hatten die Dampflokomotiven von Verona noch gequalmt, eingesetzt auf der einstigen Nord-Sued-Strecke ueber Novara, auch die fremdartigen Franco-Crosti-Umbauten neben den eleganten 1C1 der Reihe 685, waehrend "Papagalli" am Bahnsteig mit den Damen aus dem deutschen Sonderzug zu flirten versuchten. Am Abend dann, bei leichtem Sommernebel, vielleicht in der Gegend des Lago Trasimeno, musste angehalten werden und etwas nie Gesehenes glitt vorueber, ein Elettrotreno Rapido ETR200, etwas Besseres, eine andere Welt, das vornehme Italien muss sich hinter den Flugzeugfenstern dieser wie Weltraumgebilde aussehenden khakifarbenen Schnelltriebwagen abspielen... Als "Ambrosiano" soll er bekannt gewesen sein, benannt nach der vatikanischen Bank, kurz nach dem Krieg der einzige Zug Europas nur mit erster Klasse, Grandezza, Fuersten mochte die Phantasie da gesehen haben, schoene Frauen, vielleicht sogar Medici oder Borgia...

Eine andere Fahrt nach Venedig ist auch in Erinnerung geblieben, in so einem schrecklichen Liegewagen des Brenner-Express. Am Morgen erzaehlte eine Deutsche auf der Bank gegenueber, eine Bruenhilde wie aus einer Wagner-Oper, wie sie sieben Jahre lang in Warschau verheiratet den Kommunismus ertragen hatte, und ihre blonde Haarpracht fiel auf das purpurne Nachtgewand, in deren Rueschen sie fast ertrank. Als der Zug nach Überqueren der Lagune in den Bahnhof Venezia Santa Lucia einlief, fragte sie, ob sie so, im purpurnen Nachtgewand, aussteigen koenne und - tat's... Der Elettrotreno "Arlecchino", ein verkleinerter "Settebello", am Nachmittag auf der Bruecke ueber der Lagune war fast nicht auffaelliger...

Express Calais - Venezia, Voiture-Lits MU, Venezia 1985 (WS)


Im Bahnhof Verona, am Bahnsteig gegenueber, steht nun am 5. August 1978 ein schweizerischer Zug nach Triest. Unser Brenner-Express faehrt hinter einer E646 hinaus in die Po-Ebene. Noch ein Nickerchen. Die Schatten der Baeume fliegen vor dem Fenster vorbei. Ein Vers aus dem "Kladderatatsch", wohl aus den zwanziger Jahren, kommt in Erinnerung: "Erste Klasse, welch Behagen, ausgestreckt durch Welt zu jagen"... ohne Sorgen (die hatte der Schlafwagenschaffner mit Bulletin und Pass eingesammelt, die Grenzkontrolle war so verschlafen worden). "Espresso de Domodossola", eine Lautsprecherstimme weckt auf, der Zug steht am Bahnsteig in Bologna Centrale. Daneben laeuft der Schweiz-Adria-Express hinter der eckigen E428 ein.
Man koennte aufstehen, es ist zehn Uhr. Der Schaffner macht das Abteil zurecht, verwandelt das Bett in ein goldockerfarbenes Sofa... In so einem Wohnzimmer, ganz allein und privat, die Fahrt durch halb Italien - welch Behagen. Die Strecke fuehrt zum Apennin hinauf, das Fruehstueck wird im Abteil serviert. Waehrend der Fahrt durch den Tunnel tausend Meter unter dem Gebirge Kaffee trinken, durch das geoeffnete Fenster die bruellende Symphonie des Tunnels zu hoeren, das Durchrasen der mitten im Berg gelegenen Ausweichstation, die schmetternden Weichen... das Ohr ist fast taub von dem Genuss, als der Zug ins Tageslicht hinausschießt. Linkskurve, die 19 Wagen fegen durch eine kleine Station. Dann liebliche gruene Haenge, Zypressen, Olivenbaeume, die Toskana.

Florenz: Schlafwagen MU des "Palatino" aus Paris sind abgestellt. Der Italia-Express Frankfurt - Rom mit einer E656 faehrt ein. Ein deutscher Zug mit der aelteren E636 setzt sich nordwaerts in Bewegung. Der Schaffner erklaert, dass wir in drei Stunden in Rom sein koennen, wenn der Zug Teile der neuen Direttissima benuetzt. Halt in Arezzo: An den Mietshaeusern sind die Jalousien herabgelassen, es ist Mittag. Ein Personenzug mit Abteilwagen steht da, "Milleporte", wie sie frueher auch in Schnellzuegen liefen. Um 13 Uhr 25 biegt der Express in die Direttissima ein, die Autobahn daneben wirkt antiquiert. Orvieto - vorbei. Gefaelle. Pinien, Zypressen und Hitze. Roma Tiburtina, durchfahren. Roma Termini, Endstation des Zuges, umsteigen.

Palatino und Napoli-Express nach Paris, Italia nach Bruessel und Frankfurt, Remus nach Wien fahren hier ab. Ein Plakat zaehlt die Sonderzuege auf: Palermo - Winterthur, Lecce - Basel, Catania - Genf, Rom - Kassel, alle fuer Gastarbeiter. Die vielen Nonnen am Bahnsteig zeigen, dass wir wirklich in der Heiligen Stadt sind - und die moderne Halle von Roma Termini wirkt wie ein Wunder.

Bei der Fahrt in Direttissimo nach Neapel hallen die Außenviertel von Rom wider, ein Aquaedukt steht ueber Steppengras, die Ebene ist von der Augusthitze ausgedoerrt. Bei Latina zeigen sich links die Berge, im Dunst kaum zu erkennen. Ein Zug mit der altertuemlichen E626 und neun DB-Wagen kommt entgegen. Bei Formia leuchtet das Meer, Palmen saeumen den Bahnhof von Minturio. Europa ist so schoen vom Zugsfenster aus zu sehen. Napoli Centrale, Aussteigen.

Das Hotel wirkt unheimlich alt und abgewetzt, war wohl einmal gehobene Mittelklasse. Vielleicht stiegen hier sogar die Reisenden aus dem Rome-Express ab. Der ergraute Ober jedenfalls traegt Smoking und rote Bauchbinde. Am Molo Angiono, neben dem Ozeanbahnhof, liegt der bekannte uralte Dampfer "Achille Lauro".

Tage darauf faehrt der Triebwagen nach Foggia ueber Aversa und Caserta auf jener eingleisigen Gebirgsstrecke, auf der die Australian Mail von der Kanalkueste herkam, um in Neapel den Orient Liner zu erreichen. Sie war in Foggia von der Indian Mail abgekuppelt worden. Auf deren Strecke nach Brindisi geht es nun mit einem Personenzug hinter einer E428 weiter. Endlose Weinfelder, kahle Staedte mit Flachdaechern, die ersten Trulli sind zu sehen, und dann - die Adria. Eine Station heißt Monopoli (Paul Morand hatte von endlosen Poker-Partien im Peninsular-Express der Indian Mail geschrieben, aber nichts von Monopoli-Partien). In Bari ist die Oberleitung zu Ende, der Zug Lecce - Turin mit zwei DB-Wagen nach Muenchen kommt mit einer gruen/ockerfarbenen Diesellok 445 entgegen. Dann Brindisi: Der unscheinbare Zug "Parthenon" aus Paris mit einer 341-Diesellok steht hier.

Die Zuege fahren nicht zur Stazione Marittima am Hafen. Sie ist im Stil der dreißiger Jahre erbaut, an die auch das ueberdimensionale Mussolini-Monument gegenueber erinnert. Aber weiter links am Kai gibt es tatsaechlich noch das alte Hotel International, in dem schon Phileas Fogg auf seiner "Reise um die Welt in 80 Tagen" genaechtigt haben koennte, wenn er es bei seiner Passage durch Brindisi nicht so eilig gehabt haette. Die Fahrt im viersitzigen Fiaker - alleine - durch die von Rucksacktouristen ueberquellende Straße, das Aussteigen nachdem der Kutscher den Wagenschlag oeffnet, die Trinkgeldzeremonie, das ist wie zu Zeiten der Indian Mail, der Valigie delle Indie... Die Romantik ist spaetestens beim Kofferschleppen und Freistilringkampf am Faehrterminal zu Ende.

Direttissimo Paris - Simplon - Brindisi Marittima, FS E428, Pesaro 1970 (Wilhelm Tausche)


Nach Stunden endlich auf dem Schiff, ist das Ticket weg, gestohlen. Doch der griechische Schiffsoffizier zeigt Grandezza: er laesst passieren - zur Seereise entlang der Trauminsel Korfu, Refugium der internationalen Aristokratie einst, vorbei an der Insel Levkas, von deren Klippen sich die Dichterin Sappho im 6. Jahrhundert ins Meer gestuerzt haben soll und vorueber an Ithaka, wo Archaeologen den Palast des Odysseus vergeblich gesucht haben, nach Patras. Dort geht die Fahrt weiter mit dem Dieseltriebwagen nach Athen, an der Kakia Skala , der "boesen Treppe",, in schwindelnder Hoehe ueber dem Saronischen Golf, an dessen anderem Ufer, wie Hoelderlin schrieb, die Insel "Salamis gruent, umdaemmert von Lorbeeren" und in der Ferne grueßt Aegina, in der Antike geweiht der Aphaia...


Express Pirghos - Pireas, Korinth 1982 (WS)

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Saronikos (WS)




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