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C a i r o   -   A s w a n



All-sleeper express 84 Cairo - Aswan, Henschel diesel and cars from Hungary, Aswan, August 1976 (WS)


Ägypter in wehenden Gewaendern, dunkle sudanesische Typen, Greise mit Baerten und Turbanen, junge Leute, gekleidet nach der europaeischen Mode von anno 70, alte Frauen in schwarzer Tracht, Holzkaefige mit Huehnern und Gaensen schleppend oder Koerbe auf dem Kopf balancierend, westliche Rucksacktouristen, eine rosa verschleierte Sudanesin, Bettler, Soldaten, Coca-Cola-Verkaeufer - das Gewuehl gegen Abend im Hauptbahnhof von Cairo. Ein kleiner brauner Junge im Schlafanzug schaut fasziniert die Diesellokomotiven an - vier- und sechsachsige von General Motors (letztere haeufig nach Alexandria eingesetzt), heiser roechelnd und dunkel qualmend, mit freiliegendem Umlauf, manchmal oeltriefend, die Aufbauten schwarz vom Ruß und gelb vom Staub, daneben die neuen deutschen im Triebwagen-Look und hauptsaechlich nach dem Sueden verkehrend.

Auf einem der Durchgangsgleise laeuft der vier Stunden verspaetete Sitzwagenzug Aswan - Alexandria ein, Menschentrauben an den Tueren, Menschen dicht gedraengt zwischen den Holzbaenken der dritten Klasse stehend, Menschenmassen auf den Gepaeckablagen unter den Daechern, wie Vieh hineingepfercht, die Wagenboeden bedeckt von Schmutz und Wasser, die Latrinen ueber den ganzen Perron stinkend, ohne Zweifel der schlechteste Zug Afrikas. Die besser Betuchten warten inzwischen am Bahnsteig 8 auf den Schlafwagenzug Nr. 86 Cairo - Aswan. Eine neue Henschel bringt ihn an jenem 22. August 1979 kurz vor sieben Uhr abends herein, einen silbern gestrichenen Kuehlwagen hinter der Maschine, dann die Schlafwagen, dazwischen der Speisewagen, alle hell- mit mittelgrau, mit herunter gelassenen Jalousien.

Doch welch boese Überraschung harrt dieser Reisenden! Heiß und stickig, wie aus einem Backofen, schlaegt ihnen beim Eintreten die Luft entgegen. Sollte wahr sein, was eine große deutsche Tageszeitung geschrieben hatte, naemlich, dass die Klimaanlagen in diesem alten Zug staendig kaputt seien? Das Atmen wird schwer, denn die Fenster lassen sich nicht oeffnen, was uns die Bahnen ja auch in Europa als Fortschritt anzudrehen versuchen. Die neuen deutschen Fahrzeuge, in denen es die Pannen mit den Klimaanlagen nicht mehr gibt, verkehren zu jenem Zeitpunkt noch nicht. Brummend gibt dazu die letzte Neonroehre im Seitengang den Geist auf. Von nun an herrscht aegyptische Finsternis.

Als letzte Rettung erscheint die Flucht in den Speisewagen. Welch eine Überraschung - dort gibt es Licht und aus der Klimaanlage saeuselt es angenehm kuehl. Die Tische sind gedeckt, das Besteck ist herrlich alt und aus schwerem Silber. Kellner servieren das frisch gekochte Menu - Gemuesecremesuppe, Reis, Haehnchen mit Bratkartoffeln, Gemuese, Pudding - und die deutschen Touristen, die das Restaurant bevoelkern, versuchen bei dem Schaukeln und Ruetteln ueber den zahlreichen Schienenstoeßen, die Bissen zum Mund zu fuehren (Einheimische sind kaum hier, denn das Essen kostet den halben Wochenlohn eines Arbeiters). Heruntergespuelt wird es mit Omar Kayam, aegyptischem Rotwein. Omar Kayam macht auch Mut, dem Ober die sicher ungewoehnliche Frage zu stellen, ob er die schoene silberne Gabel als Souvenir hergibt. "Das kostet mich zweieinhalb Pfund", lautet die Antwort. Er bekommt drei und die Gabel wechselt ihren Besitzer.

Inzwischen wird sicher auch die Klimaanlage im Schlafwagen ihren Dienst aufgenommen haben, doch beim Eintreten in diesen ist es genauso heiß und finster wie zuvor. Als Hoffnung bleibt noch der Zugfuehrer, der im Speisewagen sitzt. Ein Glas Tee koennte ihn hilfsbereit machen - und er nimmt die Einladung an! Er ist ein netter rundlicher Herr, kurz vor der Pensionierung, wie er sagt, und auch er verzweifelt ueber die Pannen, an denen der schlechte Unterhalt der alten Wagen schuld sei. "Woher?", fragt er. "Alemanya". "Very good". Wieviele Kinder erhat? "Vier". "Elf" sagt darauf voll Stolz der Dritte am Tisch. "Aber von zwei Frauen", fuegt er hinzu. Der Zugfuehrer kramt aus seiner zerknitterten grauen Uniform mit vier goldenen Kapitaensstreifen ein paar Kekse hervor, die er anbietet. "Und jetzt werde ich mich selber noch einmal um die Klimaanlage kuemmern", verspricht er. Es ist fast Mitternacht geworden und allgemein gibt es ein großes Abschiednehmen: "Good bye". - "Good bye. Gute Reise". Und von einem anderen Tisch - "Heil Hitler"... (wie gut, dass die ihn nicht wirklich kennen lernten).

Tatsaechlich, im Abteil ist es kuehl geworden. Nichts mehr kann jetzt den wohltuenden Schlummer aufhalten. Mit gleichmaeßiger Geschwindigkeit strebt der Zug, hier auf geschweißtem Gleis, der 671 km von Cairo entfernten Tempelstadt Luxor zu, ohne einen einzigen planmaeßigen Aufenthalt.

Am anderen Morgen, es mag sieben Uhr sein, meldet sich mit Vehemenz eine neue Überraschung an, viel boeser als die vom Vortag: Darminfektion. Und bis Aswan sind es noch vier Stunden Fahrt ohne planmaeßigen Halt. Wer einmal in einem fremden Land fern jeder Hilfe ploetzlich krank wurde, der weiß, wie das ist. Da lernt der Mensch wieder beten! Wirre Gedanken gehen durch den Kopf; der Klassenkamerad Hans kommt in Erinnerung, der in der aegyptischen Wueste gestorben ist... Und das Gebet wurde erhoert. Die Idee kommt, dass doch bei der deutschen Touristengruppe, die am Abend im Speisewagen gegessen hatte, ein Arzt sein koennte. In der Tat, es reist ein Doktor mit. Trotz der Medikamente aber wollen die Stunden nicht vergehen. Der Wagen schaukelt, schlingert, springt foermlich ueber die Schienenstoeße, so dass auch ein Gesunder davon krank werden muss. Der Lokfuehrer versucht offenbar auf Teufel komm raus, Verspaetung aufzuholen. Die wenigen Halte, um Gegenzuege vorbei zu lassen, sind eine kurze Erholung. Nur blass wird durch das verstaubte Fenster die Landschaft wahrgenommen, die eigentlich so schoen ist: lichte Dattelpalmenhaine ueber gruenem Schilf, ein breiter Kanal, der fast immer die Strecke begleitet, manchmal eine Kamelkarawane oder Menschen, die sich im Wasser spiegeln, die Frauen exotisch in zitronengelbe oder rosa Schleiergewaender gehuellt.

Endlich, gegen elf Uhr, erreicht der Zug Aswan. Der einzige Gedanke ist jetzt, so schnell wie moeglich in ein Hotel zu kommen. Das bekannteste Hotel am Platz ist das "New Cataract". Es steht als Neubau im Palmengarten des alten Cataract Hotels, das nicht zuletzt durch Agatha Christie's "Tod auf dem Nil" beruehmt geworden ist. In dem eleganten Zimmer mit Blick ueber das Schachtelwerk ebenerdiger Haeuser auf die im Sonnenlicht bruetenden Steinhuegel, welche das Niltal begrenzen, kehren langsam, langsam die Lebensgeister wieder. Aswan, von einer Zeitung als so ziemlich unbeliebtester Ort Ägyptens beschrieben, wird geradezu sympathisch; irgendwie wird verstaendlich, dass es die Begum zu ihrem Winterquartier erwaehlen konnte.

Anderntags geht es mit einem Taxi am rechten Nilufer suedwaerts aus der kleinen Stadt hinaus zum alten Stausee. Unterwegs, in der Einoede, wird ein verlassener Bahndamm gekreuzt. Vielleicht die Linie nach El Shellal, dem einstigen Endpunkt des Wagons-Lits-Zuges? Ein antikes Motorboot, eine ehemalige Dampfbarkasse, faehrt hinueber zu den Tempelruinen von Philae, die einst durch die Fluten ueberschwemmt und nun auf einem erhoehten Platz wieder aufgebaut wurden. Über die Dammkrone hinweg und durch die Wueste, vorueber an bizarr ausgeformten Felsbrocken - es hat fuenfundvierzig Grad im Schatten, doch es gibt keinen - rollt das Taxi auf den neuen "High Dam".

Unten, im Norden, liegt das Niltal mit dem alten Stausee und dahinter, weit weg, die Stadt Aswan. Am Ende des Hochdammes tosen unbeschreiblich die Wassermassen aus dem Abfluss des neuen Sees, darueber glitzert das Gewirr der Hochspannungsleitungen. Der schmucklose Bau am oestlichen Ufer ist der Bahnhof El-Sadd-El-Ali, eine offene staehlerne Halle mit Satteldach, an drei Seiten vergittert, ohne irgendwelche umschlossene Raeume, auch ohne Zuege zu dieser Mittagsstunde und voellig menschenleer - das Ende der Eisenbahn, das Ende der Welt. Jenseits der blendenden Wasserflaeche, jenseits der bizarren Mondberge in der Ferne, von denen sich Kette hinter Kette reiht, muss der Sudan sein, faengt Afrika wirklich an.


Aswan (WS)



Philae Temple (WS)

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