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T r a v e l s  -  R e i s e n




V i c t o r i a   F a l l s



Train Victoria Falls - Bulawayo, Garratt 15th class, Sawmills 1982 (Irene Wardale)


Um 7 Uhr 45 kommt der Zug an der Station Victoria Falls Station an. In einiger Entfernung steigen Wolken auf: der Dampf der Faelle, deren Regen zu mancher Jahreszeit, wie Cecil Rhodes es gewuenscht hatte, die Daecher der vorueber fahrenden Zuege benetzt. Das Geraeusch der fallenden Wasser hoert sich von fern wie dumpfer Donner an. Nahe gekommen verschwindet alles im Regen, der nasse Boden, die triefenden Steine, die sich dem unheimlichen Rand zuneigen, hinter dem es ins Leere geht, mehr als hundert Meter, wie der Reisefuehrer schreibt. Senkrecht, nicht wie gewohnt waagrecht, steigt aus dem Abgrund ein Regenbogen empor. Am Rande, wo die Sonne durchkommt, weben Wasserschleier von durchsichtiger Schoenheit vor dem gruenen Urwald. Im Zentrum, an den Main Falls und den Horseshoe Falls, stuerzen geballte feste Massen von Wasser sekundenlang, bevor sie die Tiefe erreichen, das Grauschwarze, die Hoelle. Unmoeglich, das zu beschreiben.

Die Sonne steht schon tief ueber dem Park des Victoria Falls Hotels, der Gueterzug nach Zambia wartet auf der Zambesi-Bruecke. Es ist spaet geworden, um im nahen Bahnhof noch die "mail" suedwaerts nach Bulawayo zu erreichen. Im Laufschritt geht es zur Victoria Falls Station - und die lange Reihe der 16 braun mit ockerfarben gestrichenen Wagen steht noch da, die Garratt, weit vorne, bewegt sich noch nicht. Die Rhodesia Railways haben wie auf der Hinfahrt ein Single reserviert, obwohl nur die zweite Klasse bezahlt worden war. Ledersofas zwischen dem dunklen Edelholz im Abteil laden zur Ruhe ein, waehrend sich draußen Schwarze laut verabschieden, Weiße winken und durch die Seitengaenge des Zuges bewaffnete Soldaten patrouillieren - es ist 1976, noch die Zeit der weißen Minderheitenregierung. Die Abfahrt ist um eine Stunde vorverlegt worden, um das grenznahe Gebiet bei Tageslicht passieren zu koennen. Vor der ersten Zwischenstation steht Militaer, bei den anderen nicht mehr. Dort warten Kinder, Buben und Maedchen, alles Schwarze - der Zug ist hier das taegliche Ereignis. Der Qualm der Garratt huellt bei den Anfahrten die Haeuser ein, runde Huetten mit spitzen Daechern. Davor, auf dem Staub, lodern Feuer.

Das letzte Abendlicht bildet den Huegelhorizont ab, oben stehen die ersten Sterne, es ist Nacht. Über der Lichterschlange des Zuges haengt die kohlschwarze Rauchfahne der Garratt. Scharf und schnell klingt von vorn ihr Auspuff. An der Bar des "Buffet Car", durch die Kueche vom Restaurant getrennt, sitzen junge Leute. Einer von ihnen ist ein Bursch aus Tirol; er hatte Arbeit in Suedafrika, reiste ueber Botswana nach Norden, fand keine Arbeit (das Militaer zahlt ihm zu schlecht) und faehrt jetzt wieder nach Sueden. Seine Freunde versuchen, mit dem VW-Bus nach Mombasa zu gelangen, um von dort um 180 Dollar nach Indien ueberzusetzen, wegen Rauschgifts. Ob er auch? Ein bisschen einsichtig ist er schon. Sesshaft werden? "Nein, zu Hause ist es zu langweilig". Im Buffetraum feiern die Soldaten, es ist eine ausgelassene Gesellschaft.

Eines der Sofas im "Single"-Abteil wurde inzwischen mit weißem Bettzeug ueberzogen. Nichts mehr kann den wohligen Schlummer aufhalten. In die Erlebnisse von Afrika, vom Sudan, von Kenya, vom Zambesi mischt sich ein denkwuerdiger Traum, vom Krieg, vom Sterben. Early Morning Coffee - 7 Uhr - Bulawayo, es ist kalt. Vorbeigehen an "unserer" 15th class: Zischen, feuchtwarmer Dampf, der Geruch nach heißem Öl…

11 Uhr 45. Achtzehn Wagen, darunter der Twin-Speisewagen "Zimbabwe", stehen an jenem 16. August 1976 am Bahnsteig hinter einer dieselelektrischen DE2 bereit zur Fahrt des einstigen Rhodesia Limited nach dem mehr als tausend Kilometer entfernten Johannesburg. Im fuenften Wagen ist ein Platz zweiter Klasse reserviert und die Eisenbahner haben doch tatsaechlich wieder ein "Single" daraus gemacht. Welch großartige Gastfreundschaft! Bei der Abfahrt winken diesmal draußen und drinnen nur Weiße, die Schwarzen koennen sich die erste und zweite Klasse dieses exklusiven Zuges nicht leisten. Lichte Savanne, ein hellblauer Himmel ueber gelbem Gras, spaeter hohe bewachsene Felshaufen, so geht es nach Sueden; Passkontrolle, Lunch Reservation. Fahrkartenkontrolle durch einen hoeflichen Schaffner mit weißer Muetze wie ein Schiffsoffizier, dann das Glockenspiel zum "1st sitting" im Speisewagen. Dort herrscht ein Riesenbetrieb, viele weiße und schwarze Kellner in Dunkelblau mit Rangstreifen am Ärmel wie Kapitaene, das exzellente Menu, der perfekte Service, alles wie in einem großen Hotel. Am Tisch gegenueber sitzt ein netter alter Herr mit Goldrandbrille. Er bevorzuge das Reisen mit der Bahn ("von Europa her geht es leider nicht", meint er) und er moniert kritisch das angeblich nicht ganz korrekte Besteck (was haette der erst zu den europaeischen Buffetwagen gesagt...). Kurz vor Plumtree kommt an einer Ausweichstelle eine gruene General Electric der Rhodesia Railways mit dem Zug aus Kapstadt entgegen. Ein Schild BOUNDARY BOTSWANA-RHODESIA, das ist alles, was von der Grenze zu sehen ist, kein Halt, kein Zoll und auch noch nicht die neuen blauen Krupp-Diesellok der Botswana Railways. Draußen gibt es jetzt Kakteen und Termitenburgen zu bestaunen.

SESHEBE heißt die Stationstafel des ersten Haltes in Botswana, eine Huette ist der Bahnhof, Wellblechbuden sind die Haeuser, die Menschen sitzen davor im Staub - und winken. FRANCISTOWN: Schwarze, die nicht mitfahren, Kinder, die sich als Gepaecktraeger etwas verdienen und Geldwechsler am Bahnsteig. SASHE: hundert oder zweihundert schwarze Haendler, die zu einem Spottpreis Schnitzarbeiten anbieten. Orangerot geht am Horizont die Sonne unter, irgendwo ist ein Steppenbrand. SERULE: nur ein paar Baracken, ein Feuer davor. Kalt wird die Nacht. Das Dinner: um 17 Uhr eine Serie fuer eine Kindergruppe, um 18 Uhr "1st sitting", und so weiter, um 21 Uhr "4th sitting", fuenf Serien insgesamt. Acht bis neun Kellner, jeder mit sieben bis acht Tellern und zwoelf Glaesern auf einmal, balancieren durch den schaukelnden Doppelspeisewagen. Suppe, Fisch, Fleischgang, Nachspeise, Kaese, Kaffee. Eine vornehme aeltere Lady am Tisch erzaehlt, dass sie die Victoria-Faelle besucht habe und nun nach Durban reise. Wegen des Ferienbeginns habe sie ab Johannesburg in einem Entlastungszug reserviert, sonst waere es wohl der Luxuszug Drakensberg gewesen, mit den Wagen des alten Blue Train. Frueher sei sie oft nach Beira und Lourenco Marques in Mocambique zum Baden gefahren. Der Zug haelt an. Hier glaubt sie (wahrscheinlich meint sie Mahalapye), sei frueher immer der eineinhalbstuendige Halt gewesen, waehrend dessen die Lokomotive Kohle uebernahm und die Leute ausstiegen in die einfache Bahnhofswirtschaft. Und dort spielte Musik und am Bahnsteig wurde getanzt! Vorbei die Zeit, seitdem es hier keine Dampflok mehr gibt. Zum Schluss waren es rhodesische Garratt der Klasse 15A gewesen.

Das Coupe ist zum Schlafabteil umgewandelt, im ganzen Zug gibt es nur Schlafplaetze. Unnatuerlich klar steht der Sternenhimmel ueber Botswana, die Milchstraße, abgegrenzt davon unzaehlige Welten. Der Gedanke kommt: wenn dies nicht ein Zug waere, sondern das "Raumschiff Enterprise" mit dem Captain und "Mr. Spok", das durch den schwarzen Raum faellt...

Passkontrolle. Morgengrauen. Schwaden von einer Dampfheizung. Klo-Schilder fuer Weiße und NIE BLANKES, Polizei. Mafeking, Suedafrika, damals unter dem Apartheid-Regime (in Rhodesien gab es keine Apartheid). Zwei dunkelrote General Electric sind seit Mafeking (dem spaeteren Mafikeng) vor dem Zug, dahinter ein Heizwagen und ein fuer Farbige reservierter suedafrikanischer 2.Klasse-Waggon, vier "2nd class" der RR, der moderne Twin-Speisewagen "Bashee" mit dem dazu gehoerigen Kuechenwagen ("Zimbabwe" war in Artesia abgehaengt worden), ein alter Lounge Car, die sieben 1.Klasse-Wagen und der Gepaeckwagen. Bewaldete Huegel, die Steigungen bei Zeerust, alte Signale, auch hier alles eingleisig, so beginnt die Fahrt durch Suedafrika. Der Lounge Car ist innen ganz aus Holz. In Ihm warten die Reisenden, bis im Speisewagen ein Platz zum Fruehstueck frei wird. In jenem wird ein echt britisches Breakfast serviert, natuerlich von strikt weißen Kellnern (das Lunch spaeter funktioniert dann auch nicht so wie bei den Rhodesia Railways, denn trotz Gutscheins ist kein Platz zu bekommen; das Hungergefuehl erinnert irgendwie an Europas letzte Langstreckenzuege). Europaeisch auch wirkt der weiße spitze Kirchturm in Swartruggens. Gelbes Farmland, am fruehen Nachmittag wieder Steigungen, das heisere Roecheln der General Electric, dann die ersten Abraumhalden des Bergbaubezirks, Blechdaecher der Siedlungshaeuser, schwarze Gleisarbeiter - die freundlich winken. Ein junger weißer Suedafrikaner im Zug erzaehlt von seinen Verwandten in Amerika ("die glauben dort, hier wuerde jeder mit dem Gewehr rumlaufen"). In Krugersdorp wird an Stelle der Diesel eine Ellok vorgespannt. Dann die langen Reihen der abgestellten Personenzugwagen, die mit ihren Seitentueren fast alt-englisch aussehen, dann die Skyline der Wolkenkratzer - Einfahrt in Johannesburg.


Victoria Falls (WS)


View from the Victoria Falls Hotel (WS)


Express Johannesburg - Bulawayo, class DE2, Bulawayo, August 1976 (WS)



Johannesburg (WS)

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